Als Persephone, die geliebte Tochter der Göttin Demeter, von Hades in die Unterwelt entführt wird, legt sich eine tiefe Finsternis über die Welt. Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit und des Getreides, ist von Trauer gelähmt. Sie streift ruhelos über die Erde, sucht ihre Tochter und weigert sich, Nahrung sprießen zu lassen. Felder verdorren, Bäume werfen ihre Blätter ab, und die Menschen beginnen zu hungern. Die Welt hält den Atem an.

Alle Götter versuchen, sie zu besänftigen – vergebens. Kein Wort, kein Trost erreicht sie. Ihre Trauer ist so groß wie der Abgrund selbst.

Da tritt Baubo auf, eine Dienerin im Haus des Königs von Eleusis, wo Demeter Zuflucht gefunden hat. Sie ist weder mächtig noch göttlich, aber sie trägt etwas in sich, das älter ist als alle Gesetze der Götter: die rohe, ungezähmte Kraft des Ur-Weiblichen.

Baubo sieht die Göttin, schwer und stumm in ihrer Trauer, und erkennt: Nur ein Schock, nur ein Lachen, das aus den Tiefen des Bauches kommt, kann sie zurück ins Leben rufen. Also greift sie zu einem Mittel, das radikal ist – und heilig. Sie hebt ihr Gewand, entblößt ihre Vulva und spricht einen derben Scherz, so unverschämt, dass selbst die Schatten der Unterwelt erzittern würden.

Und da geschieht das Wunder: Demeter, die seit Tagen nicht gelacht hat, schaut – und lacht. Erst zögerlich, dann bebt ihr ganzer Körper, und aus ihrem Lachen quillt Leben. Ein Riss geht durch die Mauer ihrer Trauer, Licht dringt ein, Wärme kehrt zurück.

Die Erde atmet auf.

Denn in diesem Augenblick, in dieser obszönen, wilden, heiligen Geste, erinnert sich die Göttin an das, was sie selbst ist: Quelle des Lebens, Schoß der Welt, Urmutter, deren Kraft nicht im Kopf, sondern im Schoß, im Lachen, im Blut und in der Erde liegt.

Baubo zeigt mit ihrer Vulva nicht bloß einen Körperteil – sie zeigt das Tor des Lebens, die Ursprünglichkeit, die Kraft, die keine Ordnung und kein Tod je ganz bezwingen kann. In dieser Geste liegt Fruchtbarkeit, Lebenskraft, der Trotz gegen Verzweiflung. Und darin liegt auch die Botschaft: Das Leben will weitergehen. Selbst im Angesicht des Todes.

                 Bauba

Symbolische Bedeutung der Baubo-Geste

Das Ur-Weibliche als Quelle des Lebens
Baubos entblößte Vulva ist nicht obszön im modernen Sinn, sondern ein uraltes Symbol für das schöpferische Prinzip. Sie verkörpert den Schoß der Erde, den Ursprung allen Lebens. Diese Geste erinnert Demeter – und uns – daran, dass Leben aus dem Körperlichen, dem Weiblichen, dem Erdverbundenen kommt.

Heilige Obszönität – Lachen als Heilung
Das Lachen, das Baubo auslöst, ist kein oberflächliches Vergnügen, sondern eine archaische, reinigende Kraft. In vielen Mythen wird das Heilige durch Humor und Körperlichkeit beschworen. Hier wird das Weibliche nicht nur als fruchtbar, sondern auch als heilend dargestellt: der Schoß und das Lachen durchbrechen den Bann von Tod und Trauer.

Die Macht des Schocks und der Umkehrung
Baubo benutzt eine Grenzüberschreitung, um einen Stillstand zu lösen. Ihre Geste bricht mit der Norm, stellt das Hierarchische auf den Kopf: Eine einfache Dienerin „belehrt“ eine Göttin. Dies zeigt, dass die weibliche Urkraft nicht an Status oder Macht gebunden ist – sie ist universell, roh, ungezähmt.

Integration des Körpers in das Spirituelle
Die Szene vereint das Körperliche und das Göttliche. Spiritualität ist hier nicht entrückt oder asketisch, sondern tief verwurzelt im Leib, in den Zyklen, in der Sexualität. Das Weibliche wird nicht als sündig oder minderwertig dargestellt, sondern als das Tor zum Leben und zur Erneuerung.

Fruchtbarkeit als Trotz gegen den Tod
Während Demeter den Winter der Trauer über die Welt bringt, ruft Baubos Geste den Frühling herbei. Es ist ein Akt des Lebenswillens, ein uraltes Nein gegen die Starre des Todes. Die Vulva wird zum Symbol für Hoffnung, Schöpfung und zyklische Wiederkehr.

Feministische & Archetypische Deutungen

Marija Gimbutas – „Die Sprache der Göttin“ (Bedeutung von Vulva-Symbolen in der alten europäischen Kultur.), Erica Jong – „Sappho’s Leap“ (auch Essays -Bezüge zum weiblichen Humor und erotisch-fruchtbaren Archetypen.), Clarissa Pinkola Estés – „Die Wolfsfrau“ (Women Who Run With the Wolves), Mary Daly – „Gyn/Ecology“ (Radikale feministische Analyse, inkl. Vulva-Symbolik als Machtquelle.)